Ich muss ehrlich sagen:
Das Thema Trageschwäche beschäftigt mich – aber nicht so, wie man vielleicht denkt.
Nicht, weil ich unbedingt noch eine weitere Erklärung dazu liefern möchte.
Sondern weil ich in meinem Alltag immer wieder das Gefühl habe, dass wir uns in etwas verrennen.
Ich arbeite täglich mit Pferden – als Osteopathin, als Hufbearbeiterin und im Training.
Ich sehe Pferde in ganz unterschiedlichen Haltungen, mit ganz unterschiedlichen Geschichten.
Und ich sehe vor allem eines sehr häufig:
Pferde, die nicht „kaputt trainiert“ sind –
sondern Pferde, die schlicht zu wenig oder nicht sinnvoll bewegt werden.
Gleichzeitig erlebe ich Besitzer, die sich enorm unter Druck setzen.
Die alles richtig machen wollen.
Die Angst haben, ihrem Pferd zu schaden.
Und die sich irgendwann nicht mehr trauen, überhaupt noch etwas zu tun.
Zwischen all den Begriffen, Konzepten und Meinungen geht dabei manchmal etwas verloren, das eigentlich ganz einfach ist:
Das Pferd ist ein Bewegungstier.
Und genau hier möchte ich ansetzen.
Tragfähigkeit ist kein isoliertes Problem
In den letzten Jahren haben sich Begriffe wie „Trageschwäche“ oder „Trageerschöpfung“ stark verbreitet.
Dabei entsteht oft der Eindruck, es handle sich um ein klar abgrenzbares Problem – fast wie eine Diagnose. Tatsächlich gibt es dafür jedoch keine einheitliche veterinärmedizinische Definition.
Vielmehr beschreiben diese Begriffe ein beobachtbares Phänomen:
Ein Pferd ist unter bestimmten Umständen nicht in der Lage, den Reiter biomechanisch sinnvoll zu tragen. Die Ursachen dafür sind jedoch selten isoliert.
Schaut man sich die Anatomie und Biomechanik des Pferdes an, wird schnell deutlich, dass Tragfähigkeit immer im Zusammenhang mit dem gesamten System steht:
- dem Bewegungsumfang im Alltag
- der Qualität der Bewegung
- dem Trainingszustand
- und der Art der Nutzung
Tragfähigkeit ist damit kein einzelnes Trainingsziel –
sondern das Ergebnis eines funktionierenden Zusammenspiels.
Quellen :
- Merck Veterinary Manual – Verhalten und natürliche Aktivität des Pferdes
- Clayton et al. (2023) – Einfluss von Reitergewicht auf Biomechanik
- Rhodin et al. (2005) – Einfluss der Kopf-Hals-Haltung auf die Rückenbewegung
Das Pferd – gebaut für Bewegung, nicht für Stillstand
Das Pferd ist evolutionär darauf ausgelegt, sich über viele Stunden täglich zu bewegen. In freier Wildbahn legt es große Strecken zurück – überwiegend im Schritt, in ruhigem Tempo und mit gesenktem Hals.
Diese Form der Bewegung ist kein Training – sie ist der Normalzustand.
Sie sorgt für:
- eine gleichmäßige Belastung des Bewegungsapparates
- eine kontinuierliche Aktivierung des Stoffwechsels
- eine gute Belüftung der Lunge
- eine funktionierende Verdauung
Fehlt diese Bewegung, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Und genau hier beginnt oft das, was später als „Problem“ sichtbar wird.
Der Körper des Pferdes trägt nicht einfach – er arbeitet
Ein Punkt, der dabei häufig unterschätzt wird, ist der Aufbau des Pferdekörpers.
Das Pferd besitzt kein Schlüsselbein.
Sein Rumpf ist nicht knöchern aufgehängt, sondern wird zwischen den Vordergliedmaßen durch Muskulatur getragen.
Die zentrale Rolle übernimmt dabei der Musculus serratus ventralis – der eigentliche Rumpfträger.
Tragfähigkeit entsteht also nicht passiv.
Sie ist das Ergebnis aktiver Stabilisation.
Diese Stabilisation funktioniert jedoch nur dann, wenn:
- Muskulatur regelmäßig genutzt wird
- Bewegung stattfindet
- Belastung sinnvoll dosiert ist
Fehlt diese Grundlage, sinkt der Rumpf ab, die Vorhand wird stärker belastet und das Pferd verliert zunehmend die Fähigkeit, sich selbst zu tragen.
Quelle:
- National Center for Biotechnology Information – Studien zur thorakalen Schlinge und equinen Biomechanik
Was wirklich passiert, wenn Bewegung fehlt
Bewegungsmangel betrifft nie nur einen einzelnen Bereich.
Er wirkt sich auf den gesamten Körper aus:
- Muskulatur baut ab und verliert ihre stabilisierende Funktion
- die Lunge wird weniger gut belüftet
- der Stoffwechsel verlangsamt sich
- die Verdauung arbeitet träger
- Gewebe verliert an Elastizität
Viele Probleme, die im Alltag getrennt betrachtet werden –
Tragprobleme, Atemwegsprobleme, mangelnde Leistungsfähigkeit –
haben häufig eine gemeinsame Grundlage.
Zu wenig oder nicht passende Bewegung.
Bewegung muss sinnvoll sein – nicht perfekt
Gleichzeitig ist nicht jede Bewegung automatisch hilfreich. Entscheidend ist, wie das Pferd bewegt wird.
Eine sinnvolle Bewegung orientiert sich an der Anatomie:
- überwiegend in Dehnungshaltung
- mit aktiver, aber nicht dauerhafter Spannung
- mit Phasen der Entlastung
- angepasst an den Trainingszustand
Aufrichtung, Versammlung oder komplexe Übungen haben ihren Platz –
aber sie sind nicht die Grundlage.
Die Grundlage ist immer die Fähigkeit des Pferdes, sich losgelassen, koordiniert und effizient zu bewegen.
Training beginnt nicht im Sattel
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Reihenfolge im Training. Bevor ein Pferd einen Reiter tragen kann, muss es lernen, seinen eigenen Körper zu organisieren.
Deshalb ist Arbeit vom Boden aus so wertvoll:
- Longieren in Dehnung
- Spaziergänge
- Arbeit an der Hand
Das Reitergewicht ist kein Ausgangspunkt –
sondern eine zusätzliche Belastung, die erst dann sinnvoll ist, wenn die Grundlagen stimmen.
Alltag schlägt Theorie
Was ich in der Praxis immer wieder sehe:
Es fehlt nicht an Wissen – es fehlt an Umsetzbarkeit.
Viele Besitzer stehen unter enormem Druck:
- alles richtig machen zu wollen
- nichts falsch zu machen
- ihrem Pferd in jeder Hinsicht gerecht zu werden
Und gleichzeitig müssen sie:
- arbeiten
- Familie organisieren
- ihren Alltag bewältigen
In diesem Spannungsfeld entstehen oft Extreme:
- zu wenig Bewegung aus Unsicherheit
- oder unregelmäßiges, nicht angepasstes Training
Dabei ist die Lösung oft viel einfacher, als sie scheint:
Ein realistischer, regelmäßiger Bewegungsalltag
Struktur statt Perfektion
Ein Pferd profitiert nicht von perfekten Trainingseinheiten – sondern von Kontinuität.
Ein sinnvoller Trainingsansatz bedeutet:
- regelmäßige Bewegung
- angepasste Belastung
- eingeplante Erholungsphasen
Dabei ist auch die Regeneration entscheidend:
- Muskulatur und kollagene Strukturen benötigen etwa 48 Stunden zur Anpassung
- Sehnen können bis zu 72 Stunden benötigen
Training wirkt nicht während der Belastung – sondern in der Phase danach.
Ohne Erholung kein Aufbau.
Auch das Umfeld zählt
Neben dem Training selbst spielt auch das Umfeld eine große Rolle. Fütterungszeiten, Haltung und Tagesablauf beeinflussen das Pferd stärker, als man oft denkt.
Ein Pferd, das regelmäßig genau dann gearbeitet wird, wenn es eigentlich fressen würde, gerät unter Stress. Ein Pferd, das sich außerhalb des Trainings kaum bewegt, kann die Belastung im Training schlechter verarbeiten.
Gesundheit entsteht nicht in einzelnen Trainingseinheiten – sondern im Zusammenspiel des gesamten Alltags.
Und vielleicht ist genau das der Punkt
Vielleicht ist das der Gedanke, der mir bei diesem Thema am wichtigsten ist:
Wir müssen nicht alles perfekt machen. Aber wir sollten verstehen, was wir tun.
Ein Pferd wird nicht dadurch gesund, dass wir möglichst wenig mit ihm machen.
Und es wird auch nicht dadurch gesund, dass wir es möglichst intensiv trainieren.
Es wird gesund durch:
- regelmäßige, sinnvolle Bewegung
- klare Strukturen
- und einen Alltag, der zu ihm passt
Tragfähigkeit ist dabei kein Ziel, das man isoliert erreichen muss. Sie entsteht ganz automatisch, wenn die Grundlagen stimmen.
Und manchmal bedeutet das auch, einen Schritt zurückzugehen:
Weniger „Ich muss noch…“
und mehr
„Was braucht mein Pferd wirklich?“
Abschlussgedanke
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, ob wir von Trageschwäche oder Trageerschöpfung sprechen.
Vielleicht geht es darum, wieder klarer zu sehen:
Das Pferd ist ein Bewegungstier.
Und Bewegung ist keine Gefahr –
sondern die Grundlage für alles.